Anthropic überholt OpenAI mit 900-Milliarden-Bewertung: Die Logik hinter dem schnellsten KI-Fundraising der Geschichte
Kurzfassung
Vor drei Monaten 380 Milliarden, jetzt 900 Milliarden: Ist Anthropics neueste Finanzierungsrunde rationale Marktbewertung – oder der nächste KI-Bewertungsgipfel?
Drei Monate. Die Bewertung von Anthropic stieg von 380 Milliarden auf 900 Milliarden Dollar, fast eine Verdreifachung. Das war keine Marktreaktion auf Quartalsergebnisse. Dieselbe Firma hat gerade wieder 30 Milliarden Dollar eingesammelt.
Laut dem Bloomberg-Bericht vom 12. Mai hat Anthropic die Bedingungen einer neuen Finanzierungsrunde vereinbart: 30 Milliarden Dollar bei einer Pre-Money-Bewertung von 900 Milliarden Dollar. Diese Zahl übertrifft OpenAIs jüngste Bewertung von 852 Milliarden Dollar und macht Anthropic zum derzeit höchstbewerteten privaten KI-Unternehmen weltweit.
Gleicher Betrag, drei Monate Abstand
Im Februar 2026 schloss Anthropic eine Series-G-Runde über 30 Milliarden Dollar bei einer Bewertung von 380 Milliarden ab. Die neue Runde: gleicher Betrag, fast dreifache Bewertung, nur drei Monate später.
Vier Firmen führen die Runde gemeinsam an: Dragoneer, Greenoaks, Sequoia Capital und Altimeter Capital, jeweils mit einer erwarteten Mindesteinlage von 2 Milliarden Dollar. CFO Krishna Rao leitete den Prozess. Von der ersten Ansprache bis zur Einigung vergingen etwa zwei Wochen. Ein Tempo, das selbst für eine Series A ungewöhnlich wäre, geschweige denn für ein 30-Milliarden-Megadeal. Der Abschluss der Runde wird bis Ende Mai erwartet.
Die Umsatzkurve trägt das Gewicht
Eine Verdreifachung der Bewertung in drei Monaten klingt nach 2021 und Krypto-Euphorie. Der Unterschied liegt in den konkreten Umsatzzahlen.
Ende 2025 lag Anthropics annualisierter Umsatz bei rund 9 Milliarden Dollar. Bis April 2026 hatte er die 30-Milliarden-Marke überschritten. Das Unternehmen prognostiziert, dass dieser Wert in Kürze 45 Milliarden Dollar übersteigen wird, mehr als OpenAIs gemeldeter jährlicher Laufrate von 24 Milliarden Dollar.
Das entspricht einem mehr als fünffachen Wachstum in weniger als sechs Monaten. In der SaaS-Geschichte gibt es kaum Vorbilder für diese Wachstumskurve, besonders nicht bei einem Unternehmen dieser Umsatzgröße.
Der Wachstumstreiber ist die Unternehmensadoption. Claude hat bei Firmen, die einen KI-Assistenten suchen, erheblich an Marktanteilen gewonnen. Eine frühere Rechen-Partnerschaft mit SpaceX stärkte zudem das Vertrauen in Anthropics Infrastrukturpläne.
Warum diese vier Investoren Ja sagten
Sequoia, Altimeter, Greenoaks und Dragoneer sind allesamt Wachstumsphasen-Investoren. Drei der vier haben zuvor OpenAI finanziert. Die Botschaft ist eindeutig: Sie wetten nicht auf einen neuen Markt, sie verschieben Gewichte von einem Pferd zum anderen.
Bei 900 Milliarden Dollar liegt das implizierte Umsatzmultiple bei etwa dem 20-fachen des prognostizierten annualisierten Umsatzes. Nvidia handelt bei etwa dem 25-fachen P/S, Microsoft bei rund dem 10-fachen. Die KI-Prämie ist weiterhin intakt. Im Vergleich zu den Bewertungen von 2021 bis 2023, die auf bloßem “Potenzial” basierten, steht diese zumindest auf einer realen Umsatzbasis.
Skeptiker haben ebenfalls stichhaltige Argumente: Anthropic ist noch nicht profitabel, die Trainingskosten bleiben hoch, und regulatorische Risiken sind nicht vollständig eingepreist.
Ein Börsengang steht im Raum
Mehrere Quellen berichten, dass Anthropic einen IPO bereits für Oktober 2026 prüft. Nach Jahren der Stille am Tech-IPO-Markt wäre das eine der meistbeobachteten Börsengänge der jüngsten Geschichte.
Eine private Bewertung von 900 Milliarden Dollar setzt die Messlatte für die Preisfindung am öffentlichen Markt sehr hoch. Die offene Frage: Werden institutionelle Anleger an der Börse dieselben Umsatzmultiplikatoren akzeptieren, die private Runden derzeit einpreisen?
Keine Antwort heute. Aber die Frage wird sich schneller stellen als die meisten erwarten.
Was das in der Praxis bedeutet
Für alle, die mit KI-APIs bauen, Unternehmens-KI-Tools evaluieren oder diesen Markt verfolgen, einige praktische Einschätzungen.
Anthropic hat die Mittel, Claudes Wettbewerbsposition zu halten. Aggressive API-Preissenkungen sind kurzfristig unwahrscheinlich, drastische Erhöhungen ebenso. OpenAI steht nun einem Konkurrenten mit mehr Kapital und schnellerem Umsatzwachstum gegenüber, was typischerweise die Produktentwicklungszyklen bei beiden Unternehmen beschleunigt.
Die Bewertung klingt nach Blase. Die Umsatzkurve macht dieses Argument schwerer.
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