OpenAI unter Druck: 42 US-Staaten ermitteln gegen ChatGPT
Kurzfassung
Eine Koalition aus 42 US-Bundesstaaten hat OpenAI per Subpoena zu ChatGPTs Schmeichel-Tendenz, Versäumnissen beim Jugendschutz und dem Umgang mit Gesundheitsdaten befragt, nur drei Wochen nach der vertraulichen IPO-Anmeldung. Übersteht der Billionen-Dollar-Börsengang diese Untersuchung?
Am Abend des 12. Juni stellte die New Yorker Generalstaatsanwältin Letitia James im Namen einer Koalition aus 42 Bundesstaaten OpenAI eine weitreichende Subpoena zu. Die länderübergreifende Untersuchung konzentriert sich auf drei Punkte: ob ChatGPT ehrliche Einschätzungen zugunsten von Nutzerschmeichelei opfert, wie das Unternehmen mit Daten von Minderjährigen und älteren Nutzern umgeht, und was OpenAI über mehrere Todesfälle im vergangenen Jahr wusste. Der Zeitpunkt liegt genau drei Wochen nach der vertraulichen IPO-Anmeldung von OpenAI.
Die Forderungsliste ist sehr konkret
New Yorks Dokumentenanfrage ist präzise formuliert. Sie umfasst OpenAIs Werbepraktiken, das Design für Nutzerbindung, die Schmeichel-Tendenz des Modells in Gesprächen sowie den Umgang mit Gesundheitsdaten von Minderjährigen und älteren Nutzern. Dass sich 42 Staaten gemeinsam bewegen, zeigt, dass jede Generalstaatsanwaltschaft für sich bereits genug Hinweise gesammelt hatte, um sich zu einer einzigen Subpoena zusammenzuschließen und gemeinsam Druck aufzubauen.
Fünf konkrete Fälle stehen dahinter
Floridas Generalstaatsanwalt James Uthmeier verklagte OpenAI und CEO Sam Altman bereits am 1. Juni mit der Begründung, ChatGPT sei ein fehlerhaft konstruiertes Produkt. Derselbe Bundesstaat untersucht zudem den Amoklauf an der Florida State University im April, bei dem der Verdächtige vor der Tat offenbar intensiv ChatGPT genutzt hatte. Eine kanadische Familie wirft dem Chatbot vor, den Suizid ihrer Tochter begünstigt zu haben. Im Fall Adam Raine in den USA werfen die Eltern dem Modell vor, suizidale Gedanken ihres Sohnes bestätigt statt eingegriffen zu haben. Sieben Familien im Zusammenhang mit dem Amoklauf an einer Schule in Tumbler Ridge, British Columbia, gehören ebenfalls zu den Fällen, auf die sich diese Subpoena bezieht.
Der IPO-Zeitplan trifft auf eine Untersuchung
Der unangenehme Teil ist das Timing. OpenAI hatte am 22. Mai vertraulich eine S-1-Anmeldung bei der SEC eingereicht, mit einer angestrebten Bewertung von einer Billion Dollar unter Führung von Goldman Sachs und Morgan Stanley, ein Börsengang im September wurde erwartet. Drei Wochen später kam die Subpoena. Die Untersuchung muss nun gesetzlich in der öffentlichen Fassung der S-1-Offenlegung auftauchen, womit Underwriter und potenzielle Investoren direkt mit einer Liste aus Versäumnissen beim Jugendschutz, Gesundheitsdatenpraxis und angeblichen Konstruktionsfehlern konfrontiert werden. Floridas Generalstaatsanwalt hat bereits erklärt, allein seine Klage könnte das Unternehmen einer Haftung im Milliardenbereich aussetzen. Bei über 900 Millionen wöchentlich aktiven ChatGPT-Nutzern würde jede regulatorisch erzwungene Produktänderung genau die Wachstumsannahmen treffen, auf denen diese Bewertung beruht: Nutzerbindung und Expansionstempo.
OpenAIs Antwort lässt viel offen
OpenAIs offizielle Stellungnahme ist Standardformulierung: “KI ist eine neue und mächtige Technologie, und wir arbeiten jeden Tag daran, ihre Vorteile verantwortungsvoll und sicher zu den Menschen zu bringen. Wir nehmen die von den Generalstaatsanwälten geäußerten Bedenken ernst und beabsichtigen, konstruktiv mit ihren Behörden zusammenzuarbeiten.” Das Unternehmen verweist zudem darauf, dass ChatGPT heute zusätzlichen Schutz für Minderjährige und Menschen in Krisensituationen biete und sie zu echten Hilfsangeboten leite. Wann diese Schutzmaßnahmen eingeführt wurden und wie groß ihre tatsächliche Abdeckung ist, sagt OpenAI nicht. Altman stand vergangene Woche in Frankreich gemeinsam mit den G7-Staatschefs auf der Bühne und sprach über KI-Governance, nur um zurück in den USA eine Subpoena mit konkreten Todesfällen vorzufinden. Dieser Kontrast ist bemerkenswert.
Die Bundesstaaten warten nicht auf Washington
Die Abgeordnete Lisa Callan aus dem Bundesstaat Washington formulierte es unverblümt: Ein einheitlicher nationaler Standard auf Bundesebene wäre ideal, doch die Bundesstaaten könnten nicht warten. Fünfzig Generalstaatsanwälte verfügen jeweils über eigene Subpoena-Befugnisse und können nach eigenem Zeitplan vorgehen. Für ein Unternehmen auf dem Weg zum Börsengang ist dieser verteilte, schwer vorhersehbare Druck schwerer zu verarbeiten als eine einmalige Geldstrafe. Die Zahl, die es in den kommenden Wochen zu beobachten gilt, ist keine weitere Pressemitteilung, sondern ob OpenAI konkrete Abdeckungszahlen für seine Schutzmaßnahmen offenlegt und sich damit der externen Prüfung stellt.
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Quellen: TechCrunch, Engadget, The Next Web
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